Eine sehr gute Schreibkraft tippt 80 bis 120 Wörter pro Minute, und Champions halten selten mehr als 150 durch. Doch in Gerichtssälen, Parlamenten oder bei der Live-Untertitelung übertragen Profis gesprochene Sprache mit über 200 Wörtern pro Minute, stundenlang. Sie benutzen keine normale Tastatur, sondern eine Stenotype-Maschine.
Das Prinzip: Akkorde statt Buchstaben
Auf einer normalen Tastatur tippt man einen Buchstaben nach dem anderen. Bei der Stenotypie drückt man mehrere Tasten gleichzeitig, wie einen Akkord auf dem Klavier, und dieser Akkord ergibt eine Silbe oder ein ganzes Wort.
Für „Hut“ tippt man nicht H, U, T nacheinander, sondern drückt die Tasten für die Laute des Wortes auf einmal. Eine Bewegung, ein Wort. Nur so lässt sich mit jemandem mithalten, der spricht: im Gespräch etwa 150 Wörter pro Minute, oft mehr.
Die Maschine
Eine Stenotype sieht aus wie eine kleine unbeschriftete Tastatur, oft auf einem Stativ. Die englische Version, die verbreitetste, hat gut zwanzig Tasten, so verteilt:
- links die Konsonanten am Silbenanfang;
- unter den Daumen die Vokale;
- rechts die Konsonanten am Silbenende.
Da es nicht für jeden Buchstaben eine Taste gibt, entstehen fehlende Laute durch Kombinationen. Im englischen System etwa ergibt sich B aus P und W gleichzeitig, M aus P und H.

Die Maschine schickt diesen Code an einen Computer, der ihn mithilfe eines persönlichen Wörterbuchs jedes Stenografen in Text mit richtiger Schreibung und Zeichensetzung verwandelt.
Plover: Stenotypie für alle
Lange war Stenotypie Profis vorbehalten: Maschinen und Software kosteten Tausende Euro, die Ausbildung dauerte Jahre.
Das freie Projekt Plover hat das geändert. Die kostenlose Software macht aus einer normalen Tastatur eine Stenotype, sofern die Tastatur mehrere gleichzeitig gedrückte Tasten erkennt (viele mechanische und Gaming-Tastaturen tun das). Es gibt auch eigene Steno-Tastaturen für Hobbyisten ab etwa 100 €. Plover nutzt standardmäßig die englische Theorie; für andere Sprachen, auch Deutsch, entwickelt die Community Anpassungen.
Wie lange dauert das Lernen?
Es ist ein langer Weg, vergleichbar mit dem Erlernen eines Instruments:
- in den ersten Monaten lernt man die Akkorde und tippt langsam, manchmal langsamer als auf einer normalen Tastatur;
- dann lernt man Kürzel für häufige Wörter, und das Tempo steigt allmählich;
- professionelle Geschwindigkeiten erfordern meist ein bis zwei Jahre regelmäßiger Übung.
Wofür man sie heute braucht
Die Spracherkennung hat große Fortschritte gemacht, doch die Stenotypie hat weiterhin Vorteile:
- Genauigkeit: Ein Stenograf beherrscht Eigennamen und Fachvokabular und weiß, wer spricht, wo Software noch Fehler macht;
- Diskretion: Man kann in einer Besprechung lautlos mitschreiben;
- Komfort: Die Hände bewegen sich kaum, was Menschen mit Handgelenksbeschwerden entgegenkommt.